Ein kleines gallisches Dorf, welches sich verteidigt. Geschichten aus den Comics von Asterix und Obelix? Nein, in Athen leistet ein kleiner Gebäudekomplex erbitterten Widerstand, nicht gegen römische Expansion, sondern gegen Staat und Kapital. Zwischen dem obersten Gerichtshof und der Hauptwache der Polizei, gegenüber dem Stadion von Panathineikos Athen, liegt der kleine Gebäudekomplex Prosfygika.
Prosfygika entstand in den 1930ern, um Geflüchteten eine Bleibe zu bieten, die im Griechisch-Türkischen Krieg (1919-1922) zwangsumgesiedelt werden mussten. Der Gebäudekomplex im Bauhausstil mit abblätternder Fassade hat eine widerständige Geschichte. Zu Zeiten der Besatzung durch den deutschen Faschismus und des darauffolgenden Bürgerkriegs wurde hier antifaschistischer Widerstand geleistet. Partisan:innen verschanzten sich in den Gassen und bauten Solidarität mit Gefangenen auf.
Die letzten politischen Bewohner:innen dieser Generation verließen Prosfygika in den 2000ern und zogen in andere Gegenden Athens. Der Widerstand hörte aber nicht auf: 2004 sollte der Gebäudekomplex im Zuge der Olympischen Spiele abgerissen werden. Das wurde prompt verhindert, indem die Bewohner:innen erfolgreich Klage einreichten und den Abriss verhinderten. Der Komplex wurde sogar unter Denkmalschutz gestellt. Etwa zu dieser Zeit begannen auch die ersten Besetzungen von Obdachlosen, Drogenkonsument:innen und politischen Geflüchteten. Die Troika, ein Zusammenschluss aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Kommission und Internationalem Währungsfonds, setzte das Gebäude 2011 auf eine Liste von Staatseigentum, das über einen von den Gläubigern Griechenlands geforderten Privatisierungsfonds insgesamt 50 Milliarden Euro einbringen soll.
Eine Athener Kommune
Heute leben in Prosfygika 400 Menschen, die meisten haben keinen Mietvertrag. Der Komplex gilt damit wohl als die größte Besetzung Europas. Anfänglich wurde vor allem aus Not heraus besetzt. Die Aufstände nach dem Polizeimord am 15-jährigen Alexis Grigoropoulos, aber auch Proteste gegen die Finanzkrise 2008 führten dazu, dass sich vor allem politische Aktivist:innen und Revolutionär:innen in der Besetzung niederließen. Es folgte die Gründung der „Gemeinschaft des besetzten Prosfygika“ 2010.
Der Komplex wird kommunenartig und autonom organisiert. Es gibt viele verschiedene Strukturen vor Ort, wie eine autonome Frauenstruktur, eine Bäckereistruktur, aber auch migrantische revolutionäre Gruppen, die sich gemeinsam organisieren. Insgesamt sind es 22 Strukturen. Angelehnt an das Konzept des demokratischen Konföderalismus wurde eine Rätestruktur geschaffen. Sie nennen es kommunalen Konföderalismus. Wöchentlich findet eine Generalversammlung statt. Hier werden zentrale Entscheidungen gemeinsam getroffen. Neben der Generalversammlung ist die Frauenstruktur essenziell für die Entscheidungsfindung. Die einzelnen autonomen Strukturen arbeiten nicht für sich, sondern für das Kollektiv. Die Vorschläge der einzelnen autonomen Strukturen müssen kollektiv entschieden werden und sind auch von kollektiven Interessen abhängig. Kollektivität wird also auf einem hohen Niveau gelebt. Nicht nur entsteht diese Kollektivität über die Art und Weise durch eine organisatorische Struktur, sondern sie äußert sich vor allem im Zusammenleben. Während ein Kind mit vielen weiteren draußen spielend seinen Geburtstag feiert, versammelt sich die Nachbarschaft, vor dem Haus der Familie, bringt Kuchen und singt in all den möglichen Sprachen Geburtstagslieder. Bei dem Plenum der Frauenstruktur werden nicht nur die organisatorischen Planungen der kommenden Zeit diskutiert, sondern beispielsweise thematisiert eine ältere Frau dort, dass ihre Wasserleitung kaputt ist und sie Hilfe bei der Reparatur benötigt. Auf einem zentralen Platz zwischen den Gebäuden befinden sich Bänke, an denen zu jeder Zeit Menschen anzutreffen sind, die gemeinsam Lieder singen, sich politisch austauschen oder sich gerade erst zufällig kennenlernen.
Die Gemeinschaft dreht sich aber nicht nur um sich selbst, sondern versteht sich als Gegenmodell zur kapitalistischen Gesellschaft. Es wird nach dem Prinzip „jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ gelebt. Das bedeutet im Kern, dass jede Struktur aus einem konkreten Bedürfnis heraus gegründet wurde und dafür da ist, dieses Bedürfnis zu organisieren.
Es ist einer der wenigen Orte in Europa, wo über ein Jahrzehnt eine Kontinuität revolutionärer Organisierung geschaffen wurde. Ein Ort, der es schafft, ein Gegenmodell aufzubauen und als eine Art Stützpunkt der revolutionären Bewegung verstanden werden kann. Hier kommen verschiedene Teile der revolutionären Bewegung zusammen und tauschen ihre Erfahrungen aus, diskutieren und kämpfen gemeinsam. Die Gemeinschaft hat dabei auch einen klaren internationalistischen Standpunkt und versteht sich als Teil einer internationalen revolutionären Bewegung. So war zum Beispiel auch Haukur Hilmarsson Teil der Strukturen. Er entschied sich, wie manch anderer aus der Gemeinschaft, Teil der Verteidigung der Rojava Revolution zu werden. Er fiel 2018 bei der Verteidigung von Efrin. Heute erinnern Wandgemälde an ihn und seinen Kampf. Dass eine solche Gemeinschaft Ziel von Angriffen durch Staat und Kapital wird, ist kein Wunder.
Staat und Kapital greifen an: Der neue Räumungsplan
Im Sommer 2025 beschloss die Hauptstadtregion Attika mithilfe von EU-Geldern ein 15 Millionen Euro teures „Sanierungsprogramm“. Dabei soll nicht „saniert“ werden, sondern es soll geräumt werden. Angeblich sollen hier Wohnungen für das angrenzende Krebskrankenhaus geschaffen werden, dabei ist es die Prosfygika, die den Menschen der Krebsklinik bereits jetzt kostenlos Wohnungen anbietet. Dahinter steht ein größerer Plan, und zwar die Gentrifizierung des Viertels, darüber hinaus im größeren auch die Zerschlagung eines revolutionären Stützpunkts in einem geostrategisch betrachtet wichtigen Land für die EU. Griechenland liegt an der EU-Außengrenze und spielt eine besondere Rolle in der „Migrationsabwehr“. Das Land grenzt an die Türkei und ist ein zentraler Punkt für NATO-Einsätze im Mittleren Osten. Dabei wird Griechenland zunehmend durch EU und NATO militarisiert. Doch der Gebäudekomplex leistet Widerstand. Im Herbst 2016 konnten die Anwohner:innen einen Räumungsversuch stoppen, bei dem die Polizei gemeinsam mit Neonazis der Organisation „Goldene Morgendämmerung“ die Gemeinschaft angriff. Die aktuellen Pläne der Regierung stellen deshalb für die Bewohner:innen eine große Bedrohung dar.
Im Zuge der Pläne der griechischen Regionalregierung ist am 05. Februar 2026 der Bewohner Aristotelis Chantzis in einen „Hungerstreik bis zum Tod“ getreten. Für Aristotelis, den hier alle nur „Aristos“ nennen, geht es bei seinem Hungerstreik um mehr als nur ein paar Hektar besetztes Land. Er sagt „Wir leben in der Ära, in der die Gesellschaften an das Ende der Geschichte glauben.“, weshalb die Verteidigung eines Orts wie die Prosfygika eine zentrale Aufgabe ist. Auch wenn Aristos sich dessen klar bewusst ist, dass er für diesen Kampf womöglich sein Leben geben wird, bleibt seine Haltung in den Gesprächen mit ihm klar und entschlossen.
Der Hungerstreik wird dabei mit drei Forderungen geführt: Erstens soll die griechische Regionalregierung von ihren Plänen zurücktreten. Zweitens sollen alle Anwohner weiter innerhalb der Strukturen leben dürfen. Drittens soll die Prosfygika selbst die Sanierung übernehmen dürfen. Kürzlich wurde bekannt gegeben, dass am 1. Mai eine weitere Person in einen unbefristeten Hungerstreik treten wird, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Revolutionäre Selbstverteidigung
Der Hungerstreik ist dabei nicht die Entscheidung einer einzelnen Person gewesen, sondern die gesamte Gemeinschaft sieht die Verteidigung als ihre Aufgabe an. Es findet eine große Kampagne zum Erhalt der Prosfygika und gegen die Pläne der Regierung statt. Dabei wählt Prosfygika eine Strategie der revolutionäreren Selbstverteidigung. Sie machen sich einen eigenen kollektiven Plan, der ihre Struktur verteidigen soll. Es wird nicht darauf gewartet, dass vollbewaffnete Polizisten an den Haustüren klopfen, um die Räumung einzuleiten. Es ist also keine spontane Selbstverteidigung, bei der nur reagiert wird. Mit jeder Aktion, mit jeder neuen Entscheidung und Planung für die Zukunft wird sich selbstverteidigt.
Der aktuelle Widerstand ist hierbei besonders und hat eine neue Phase der Selbstverteidigung begonnen. Heute finden wir eine neue Qualität vor. Der Gebäudekomplex versucht sich aus der Gesellschaft heraus zu verteidigen. Es wird nicht nach innen gearbeitet, um die Strukturen isoliert von der Gesellschaft zu verteidigen. Nein, es wird nach außen gearbeitet, das Viertel wird eingeladen. Sie werden über die Repressionen in Kenntnis gesetzt und ihnen wird das kollektive Zusammenleben nahegebracht. Sie werden also in die Strukturen gelassen, um an der Verteidigung mitzuwirken und ihren Beitrag zu leisten. Veranstaltungen wie Filmabende, Konzerte, und politische Zusammenkünfte zum Tag der palästinensischen Gefangenen werden organisiert. Es wird versucht, die gelebten Prinzipien nach außen zu tragen. Es wurde eine Genossenschaft gegründet, um den Gebäudekomplex selbst zu renovieren. Dem Staat also zu zeigen: Ihr habt einen Plan! Nee, wir machen das einfach selbst. Prosfygika strebt eine kollektive Selbstverteidigung aus der Gesellschaft an.
Die Mittel, die zur Verteidigung gewählt werden, sind hierbei breit: von Hungerstreik über Massenproteste bis hin zu militanten Protestformen. Demos sind ein Teil dieser Strategie. Es sind breite Teile der Gesellschaft anwesend, von organisierten Militanten bis zu kleinen Kindern und Jugendlichen, von Student:innen bis hin zu Arbeiter:innen – alle sind Teil dieser Verteidigung. Auf den Demos wird Staat und Kapital der Kampf angesagt, sie dienen sozusagen als Massenmobilisierung. Es wird eine gesellschaftliche Front gegen den Staat aufgebaut. Nicht nur Demos sind Teil der Massenmobilisierung, sondern auch tägliches Flyern, tägliches Plakatieren und tägliche kleinere Kundgebungen.
Ein weiterer Pfeiler ist die Öffentlichkeitsarbeit: Es werden Pressemitteilungen in ganz Europa verschickt, um auf die Gemeinschaft und ihren Widerstand aufmerksam zu machen. Es wird dazu aufgerufen, sich auf der ganzen Welt mit Prosfygika zu solidarisieren. Der Widerstand wird über die eigenen Stadtgrenzen über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Es werden öffentlichkeitswirksam Sitzungen vom Stadtparlament gestört. Es wird auch an linke Abgeordnete auf Stadt-, Landes- und Europaebene appelliert, die Gemeinschaft zu unterstützen. Wichtig hierbei ist, dass die Gemeinschaft immer auch ihre Prinzipien hereinträgt und verbreitet.
Militante Protestformen werden dabei nicht abgelehnt, sie sind aber nur Teil der gesamten Strategie.
Letztendlich wird so ein Gegenangriff gestartet, der durchdacht ist, der geplant und koordiniert ist. Die Angriffe von Staat und Kapital werden umgedreht und zum Aufbau der eigenen Seite genutzt.
Kämpfen wie Prosfygika
Die Besetzung und ihre Strukturen, aber vor allem ihre revolutionäre Verteidigungsstrategie sind auch für die Jugendbewegung in Westeuropa interessant. Die Jugendbewegung in Westeuropa hat in den letzten Jahren wieder Erfahrungen mit größeren Besetzungen und ihrer Verteidigung gemacht. Das letzte große Beispiel war Lützerath 2023: Hier wurden ähnliche Methoden genutzt, breite Öffentlichkeit, legale Wege über Abgeordnete, Gerichte und Co. und nicht zuletzt auch militanter Protest.
Fundamentale Unterschiede sind jedoch, dass es kaum eine Diskussion zu einem Gegenmodell der kapitalistischen Gesellschaft gab. Es wurde gar nicht wirklich versucht, eine solche Diskussion zu führen und sich auf grundlegende Prinzipien zu einigen. Da wird es auch schwieriger, sich von bürgerlichen Kräften abzugrenzen und sich auf die Seite der Arbeiter:innen und Unterdrückten zu stellen. Du hast eine große Bandbreiten an Menschen, die zwar alle für ein gemeinsames Ziel – den Erhalt von Lützerath – zusammenkommen, jedoch fehlt es an der Schaffung einer gemeinsamen Grundlage, um diesen Kampf weiterzuentwickeln. Das führte zu einer Zersplitterung, zu einer begrenzten Kollektivität und Solidarität. Es führte in letzter Instanz auch dazu, dass man fast nur mit der Idee nach außen gegangen ist, dass man gegen etwas ist, aber nicht wofür man steht. Dabei ist das die Grundlage revolutionärer Veränderung – eine Klarheit darin, was das Ziel ist, für das wir kämpfen.
Strukturen, die den Zweck hatten, sich gegen Staat und Kapital zu wehren, wurden nur begrenzt aufgebaut. Es mangelte an einer kollektiven Planung. Es fehlte also an einer Strategie. Wie wollen wir Lützerath verteidigen? Was brauchen wir dafür? Auch, wenn einzelne Kräfte und Personen für den Erhalt von Lützerath Strategien entwickelt hatten, wurden diese nicht von einer kompletten Gemeinschaft getragen und umgesetzt.
Prosfygika zeigt im Gegensatz dazu die Sinnhaftigkeit und Effizienz einer gemeinsamen Strategie der Selbstverteidigung und eines gemeinsamen Gegenmodells. Ein Zusammenkommen unterschiedlichster Menschen, die sich an der Planung und Entwicklung für die Prosfygika beteiligen und ihre bisher gekannten Grenzen überschreiten. Jeden Tag, an dem die Anwohner:innen also mit der Haltung aufstehen, dass sie ihr Zuhause nicht freiwillig dem Staat überlassen werden – all ihre Erinnerungen an diesen Ort nicht aufgeben wollen –, schaffen sie eine Form der Selbstverteidigung. Mit den zahlreichen Aktionen und Interaktionen wächst das Kollektiv aneinander und über sich hinaus. Diese Gemeinschaft ist viel mehr als nur ein gallisches Dorf, das sich verteidigt, es ist der Versuch, ein Gegenmodell zur kapitalistischen Gesellschaft zu verteidigen.



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