Der US-Bundesstaat Kansas erklärt die Führerscheine von trans Personen für ungültig, Deutschland führt wieder Rosa Listen ein und Uganda verhängt die Todesstrafe auf Homosexualität. Die Nachrichten über Angriffe auf die Rechte und das Leben von LGBTI+ überschlagen sich in den letzten Jahren. Die Angst vor Anfeindungen, körperlichen Angriffen und der nächsten Gesetzesverschärfung prägen den Alltag vieler LGBTI+. Gleichzeitig sind junge LGBTI+ ein Teil ihrer Klasse: Armut, Musterungsbrief und das Entsetzen über die Kriege in der Welt sind genauso Teil des Lebens junger LGBTI+ wie des ihrer heterosexuellen und cis-geschlechtlichen Klassengeschwister. Wie hängen diese Entwicklungen zusammen? Und was folgt daraus für einen revolutionären LGBTI+-Kampf?
Frontalangriff auf die Errungenschaften der LGBTI+ Bewegung
Während seit den 1970er Jahren der LGBTI+ Bewegung zahlreiche wichtige Siege gelungen sind, sieht die Lage heute anders aus. 2025 verzeichnete der Trans Rights Index zum ersten Mal in 13 Jahren mehr Rückschritte als Fortschritte bei den Rechten von trans Personen in Europa und Zentralasien. In den USA wurden von 2023 bis heute 264 Gesetze verabschiedet, die sich gegen den Schutz und die Selbstbestimmung von trans Personen richten. Erst im März verbot das internationale olympische Komitee trans Frauen die Teilnahme an den Olympischen Spielen. In Uganda und Ghana wurden 2023 und 2024 Anti-LGBTI+ Gesetze verabschiedet, die sowohl LGBTI+ Personen als auch politische Aktivitäten, die sich für LGBTI+-Rechte einsetzen, kriminalisieren. Russland verabschiedete 2022 ein Gesetz, das „LGBTI+ Propaganda“, also das Darstellen und Befürworten von LGBTI+ im öffentlichen Raum, unter Strafe stellt.
Auch in Deutschland verschärft sich die Hetze gegen LGBTI+. Zwar gelten weiterhin im internationalen Vergleich weitreichende Gesetze wie das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe, ein offizieller Schutz vor Diskriminierung oder das Selbstbestimmungsgesetz, das die Änderung des im Pass eingetragenen Namens und Geschlechts vereinfacht, allerdings stehen diese unter konkreter Bedrohung. So soll das Selbstbestimmungsgesetz von der schwarz-roten Regierung re-evaluiert und abgeschwächt werden. Schon heute haben einige Bundesländer Sonderregister für trans Personen eingeführt, in denen die Nutzung des Selbstbestimmungsgesetzes gespeichert und für alle staatlichen Behörden zugänglich gemacht wird – und damit die Grundlage für die systematische Diskriminierung und Verfolgung von trans Personen schafft. Abseits der Gesetzgebung verschärft sich das politische Klima gegenüber LGBTI+: Neben Migrant:innen sind LGBTI+ die prominenten Ziele rechter Hetze, die die deutsche Familie, die Kinder und allgemein das deutsche Volk verderben. Infolge dessen wurden 2025 2048 LGBTI+ feindliche Straftaten vom Bundeskriminalamt gezählt. Die Amadeo Antonio Stiftung dokumentiert, dass es 2025 bei mindestens 110 von 245 CSDs in Deutschland zu rechtsextremen Gegenmobilisierungen und Angriffen kam.
Zusätzlich zu den verschärften Angriffen im Parlament und auf der Straße stehen v.a. trans Personen einem weiteren Problem gegenüber: Ohne große Ankündigungen und oft sogar ohne Begründung oder Kommentar wird der Zugang zu Hormontherapien – ein Teil von geschlechtsangleichenden Maßnahmen für trans Personen – immer prekärer. 2024 strich Bayer mit der Produktion von Androcour einen weitverbreiteten Testosteron-Blocker. Eine wirkliche Alternative dazu gibt es nicht. Östrogen? In den meisten Apotheken kaum noch lieferbar. Beim Zugang zu Hormontherapie geht es dabei nicht einfach nur darum, den eigenen Körper so zu gestalten, wie es einem gefällt, sondern um das grundlegende Recht darauf, die eigene Geschlechtsidentität leben und selbst über den eigenen Körper bestimmen zu können. Der Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen reduziert außerdem nachweislich psychische Leiden und das Selbstmordrisiko.
Diese Liste über die sich überschlagenden Angriffe auf die Rechte, das Leben und die Selbstbestimmung von LGBTI+ lässt sich noch lange fortsetzen. Das Wesentliche ist: Die in Jahrzehnten lang erkämpften Errungenschaften von LGBTI+ wurden in den letzten 3-4 Jahren in rasanter Geschwindigkeit wieder eingerissen. Dies ist keine auf einzelne Länder oder Regionen, auch nicht auf die „westliche“ oder „nicht-westliche“ Welt beschränkte Entwicklung, sondern ist weltweit zu beobachten. LGBTI+, v.a. junge LGBTI+, die unter diesen sich verschärfenden Bedingungen aufwachsen, haben verständlicherweise Angst vor der Zukunft, fühlen sich hoffnungslos oder entwickeln eine Wut auf die herrschenden Umstände.
Krieg, Faschismus und Patriarchat Hand in Hand
Nun ist es kein Zufall, dass die Entrechtung von LGBTI+ zeitgleich zu den immer offener werdenden Kriegsvorbereitungen abläuft. Der Heterosexismus, d.h. die Leugnung und Verfolgung von LGBTI+ ist eine Folge des Patriarchats. Und die Stärkung des Patriarchats und die Kriegsvorbereitungen sind zwei Seiten derselben Medaille.
Zum einen braucht der Krieg Soldaten und macht damit die Fortpflanzung der Gesellschaft zu einem dringenderen Thema. Das geht einher mit der Stärkung eines patriarchalen Familienbildes und der Ablehnung von Beziehungen, die nicht in erster Linie auf das Zeugen von Kindern ausgerichtet sind. Die Behauptung, LGBTI+ würden die Familie zerstören, fällt also nicht vom Himmel. Das sogenannte Militärgeschlecht im deutschen Selbstbestimmungsgesetz zeigt eine weitere Motivation, aus der die Kriegsvorbereitung vor allem transfeindliche Haltungen und Gesetze fördert. Das Militärgeschlecht besagt: Trans Frauen, die während oder innerhalb der letzten 2 Monate, bevor der Spannungs- oder Verteidigungsfall ausgerufen wird, ihren Geschlechtseintrag ändern lassen, werden dennoch als Männer in den Krieg eingezogen. Innerhalb des Militärs wird die Änderung des Geschlechteintrages also nicht anerkannt. Dieser Paragraf im Selbstbestimmungsgesetz leugnet das Geschlecht von trans Frauen und unterstellt, die Transition sei lediglich ein Trick von Männern, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen.
Auch die faschistischen Kräfte auf den Straßen, in den Parlamenten und die Kriegsvorbereitungen reichen sich gegenseitig die Hand. Auf der verzweifelten Suche nach größeren Profiten wendet sich die Bourgeoisie offeneren und brutaleren Mitteln zu. Zur Sicherung der inneren Front, das heißt der Niederschlagung von Widerstand gegen den Krieg oder den Kapitalismus insgesamt, leisten die Faschisten eine wichtige Unterstützungsarbeit selbst für die bürgerlichen Regierungen, indem sie Angst auf den Straßen verbreiten und die politischen Debatten nach rechts ziehen. Die faschistische Ideologie behauptet gegenüber den Arbeiter:innen, ihr Feind wären die Geflüchteten, die LGBTI+ oder die Linken, nicht die herrschende Klasse, und lenkt so von den eigentlichen Verantwortlichen ab. Dabei spricht sie die rückschrittlichen Einstellungen innerhalb der Arbeiter:innenklasse an und verstärkt sie.
Zum anderen geht der imperialistische Krieg einher mit einer Verrohnung der Gesellschaft und einer weiteren Verrohung der Männlichkeit. Um auf andere Jugendliche, unsere Klassengeschwister, zu schießen, nicht für unsere Befreiung, sondern für die Interessen der herrschenden Klasse, ist es ideologisch notwendig, dass wir vergessen, dass sie unsere Klassengeschwister sind. Dass wir jegliche Solidarität und jedes Mitgefühl verlieren und nur noch daran denken, wie wir den Feind – und das heißt nicht nur seine Soldaten, sondern auch sein Land und seine Bewohner:innen – beherrschen und zerstören können. Die ideologischen Voraussetzungen des Krieges schaffen eine Verrohung der Gesellschaft und fördern die rückschrittlichsten patriarchalen Eigenschaften.
Diese reaktionären und patriarchalen Einstellungen werden dabei von der herrschenden Klasse durch die Politiker, Stiftungen und die Medienkonzernen in ihren Händen gezielt geschürt. Die Verbreitung von heterosexistischen Einstellungen ist also ein ideologisches Mittel der Kriegsvorbereitung und der Spaltung der Unterdrückten zugunsten der herrschenden Klasse. Ähnliche Diskussionen lassen sich auch über den Anstieg der patriarchalen Gewalt insgesamt führen oder zum zunehmenden Rassismus. Revolutionäre Antworten darauf müssen sich den Kriegsvorbereitungen entgegen stellen, aber auch die konkreten Forderungen zum Beispiel nach einem Ende der Gewalt oder nach bestimmten Rechten aufgreifen. Genauso ist die Frage, die eigene Klasse von den falschen Feindbilder der LGBTI+, der Migrant:innen usw. wegzubringen und hin zu einer Wut auf die herrschende Klasse.
Ein LGBTI+-Befreiungskampf gegen den Krieg
Diese Verbindung zwischen Krieg und den faschistischen Angriffen gegen LGBTI+ wird in der Praxis allerdings noch selten gezogen. Zwar gibt es revolutionäre Organisationen, die antifaschistische und antimilitaristische Praxis verbinden, insgesamt jedoch existieren die Anti-Kriegs-Bewegung und eine LGBTI+ Bewegung eher nebeneinander.
Es ist sinnvoll, dass eine LGBTI+ Bewegung sich in Anbetracht der massiven Entrechtung und Drohungen gegen LGBTI+ auf antifaschistische Kämpfe konzentriert und sich für die Forderung nach Selbstbestimmung für LGBTI+ einsetzt. Entrechtung, Diskriminierung, mangelnde Gesundheitsvorsorge und heterosexistische Angriffe und Drohungen sind bestimmende Themen im Leben von vielen (jungen) LGBTI+, die noch mehr zu einem organisierten Kampf statt zu Rückzug ins Private oder Safe Spaces führen müssen. Als Revolutionär:innen müssen wir es schaffen, diesen Kampf auf eine Klassenbasis zu stellen und Hoffnung im organisierten Kampf zu schaffen. Dazu gehört auch, die Verbindung zwischen den Kriegsvorbereitungen und den Angriffen auf die Errungenschaften von LGBTI+ aufzuzeigen. Die Welle von Entrechtung kommt eben nicht aus einer Laune einzelner unmenschlicher Politiker, sondern entsteht auf derselben materiellen Grundlage wie die Kriegsvorbereitungen und aufsteigende neue faschistische Bewegung.
Auf der anderen Seite steht die antimilitaristische Bewegung vor der Aufgabe, antipatriarchale Forderungen mehr zu einem Thema für sich zu machen. Das Militärgeschlecht bietet dazu in Deutschland einen konkreten Anknüpfungspunkt, aber auch die patriarchale Gewalt in Kriegen. Genauso die Tatsache, dass Kürzungen LGBTI+, die sich öfter als nicht-LGBTI+ Personen in schwieriger Lebenslage befinden, besonders treffen und das Militär für LGBTI+ ein besonders gefährlicher Ort ist.
Ein antipatriarchaler Kampf einer Antikriegsbewegung ist nicht nur eine Frage von Solidarität mit Frauen und LGBTI+. Zum einen darf das Feld von LGBTI+ Forderungen nicht den bürgerlichen Parteien überlassen werden, die so versuchen, proletarische LGBTI+ in den bürgerlichen Staat zu integrieren und behaupten, im Krieg gegen Russland würde man seine westlichen Werte verteidigen. Zum anderen gewinnen die Bundeswehr genauso wie Faschisten besonders junge Männer, indem sie an bestehende patriarchale Einstellungen anknüpfen. Das Bild eines starken Mannes, der sein Land und seine Familie beschützen muss, oder auch das männliche Schönheitsideal von einem starken, muskulösen Körper machen die Bundeswehr aber auch Jungfaschogruppen attraktiv für junge Männer. Vorbilder für junge Männer zu schaffen, die nicht auf einer Abwertung von Frauen und LGBTI+ aufbauen, ist auch deshalb wichtig.
Von Stonewall zu Rheinmetall Entwaffnen
Die kommenden Monate sind voller konkreter Anknüpfungspunkte, um diese politische Analyse in die Tat umzusetzen. Sei das der Juni als Pride Month, Stonewall als historischer Kampftag der LGBTI+-Bewegung, CSDs, die in vielen Regionen der faschistischen Bedrohungslage trotzen, wie zentrale Momente der antimilitaristischen Bewegung wie das Rheinmetall Entwaffnen Camp: Eine Aufgabe von Revolutionär:innen in dieser Zeit ist es, eine v.a. antifaschistisch geprägte LGBTI+ Bewegung und die antimilitaristische Bewegung mehr zusammenzuführen, anstatt sie nur nebeneinander existieren zu lassen. Das bedeutet nicht, die eine Losung der anderen unterzuordnen oder in ein ungreifbares „Alles ist schlecht und der einzige Ausweg ist die Revolution“ zu verfallen. Sondern viel mehr ist es eine Frage davon, antimilitaristische Forderungen in Räume der LGBTI+ Bewegung zu tragen und umgekehrt. Oder eine Frage davon, Losungen gegen die Entrechtung von LGBTI+ aufzustellen und dabei zu erklären, dass wir, um diese zu erreichen, uns auch einer antimilitaristischen Bewegung anschließen müssen. Die LGBTI+-Bewegung für die Anti-Kriegs-Bewegung zu gewinnen bedeutet nicht zu sagen, dass ihre Forderungen zweitrangig sind, sondern für diese einzustehen und sie zu einem Grund zu machen, sich auch gegen den Krieg zu stellen.
Aus der Diskussion, die hier konkret zur Frage der LGBTI+ Befreiung geführt wird, ergibt sich aber noch eine allgemeinere Schlussfolgerung: In der aktuellen Zeit stehen Revolutionär:innen vor der Aufgabe, politische Forderungen zu Themen wie patriarchaler Gewalt, Entrechtung, Rassismus oder Kürzungen, mit einer Anti-Kriegs Bewegung zusammenzuführen. Sowohl für den Erfolg dieser konkreten politischen Forderungen als auch für den Erfolg einer Anti-Kriegs-Bewegung ist das entscheidend.


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