„Ich werde eine Guerrilla der Nächstenliebe und Hoffnung“
Diesen Samstag findet das 11. Ivana Hoffmann Festival in der Duisburger Innenstadt statt. Aus diesem Anlass wollen auch wir der unsterblichen Revolutionärin gedenken und hervorheben, vor welche Aufgaben Ivanas Unsterblichkeit junge Revolutionär:innen heute stellt.
Vom Meidericher Busbahnhof zu den Kampffronten von Rojava
Ivana organisierte sich mit 13 Jahren in der Duisburger Ortsgruppe der sozialistischen Jugendorganisation „Young Struggle“. YS lernte sie relativ zufällig kennen: Am Meidericher Bahnhof gab es einen Streit zwischen Jugendlichen. Sie ging dazwischen, obwohl niemand sie dazu aufforderte, einfach weil sie es richtig fand. Auf diesem Weg lernte sie zum ersten Mal Genoss:innen von YS kennen, die einen Verein nur wenige Meter weiter hatten. Die erste Zeit ihrer Organisierung war nicht einfach: In der Duisburger Ortsgruppe gab wenige aktive Genoss:innen, manche zogen sich zurück – die 13-jährige Ivana kam in einen neuen unbekannten Raum und wartete nicht darauf, an die Hand genommen zu werden: Sie riss alle mit sich. Schnell war sie begeistert vom Sozialismus, von ihrer neuen Organisation und ihrem Einsatz für den kurdischen Befreiungskampf.
Ivana meinte ihre Sache ernst
Ivana war eine fröhliche, lustige Person, die alle zum Lachen brachte. Ihre Freund:innen und Genoss:innen erzählen gerne von ihren Witzen. Es sind vor allem die Geschichten, in denen sie etwas unerwartetes, freches und vielleicht etwas aufmüpfiges tut, die in den Gedächtnissen der jugendlichen Zuhörer:innen bleiben. Im gemeinsamen politischen Kampf werden tagtäglich Entscheidungen getroffen und es ist selbstverständlich, dass sich die Menschen, die sich dafür zusammen schließen nicht immer von vorne rein einer Meinung sind. Aber zu Diskussionen kommt es nicht immer; manchmal sind wirklich alle Genoss:innen an einem Tisch einer Meinung, häufig stimmen aber auch viele einfach dem ersten Vorschlag zu, der gemacht wird – weil sie keinen eigenen Vorschlag haben, sich nicht trauen oder es ihnen nicht wichtig ist. Ivana war dafür bekannt immer eine Meinung zu haben. Ob in der Bildungsstreikbewegung, zu der (schwachen) Beteiligung der männlichen Genossen an den Diskussionen zum Frauenbefreiungskampf oder betreffend der kollektiven Kultur innerhalb der Vereinsräume – Ivana war es nicht egal, sie machte sich Gedanken und schreckte nicht davor zurück, diese klar zu teilen. Es wären doch nicht ihre Genoss:innen, wenn sie ihre Kritik nicht anhören oder ihren Vorschlag nicht diskutieren würden.
Ivana hatte eine starke Meinung, aber das darf nicht falsch verstanden werden und als „Individualismus“ abgestempelt werden. Im Gegenteil, Ivana nahm ihre Sache sehr ernst. Sie war zutiefst überzeugt vom Sozialismus. Der kollektive, organisierte Kampf zum Sozialismus braucht aber genau das; Menschen die bereit sind, für etwas einzustehen, die ihre eigenen Gedanken vertreten und diskutieren. Aber am Ende immer bereit sind, alles zu tun, um die gemeinsame in die Tat umzusetzen. Eine Organisation kann sich nur entwickeln, wenn Menschen sie nach vorne bringen, sich Gedanken machen und diese teilen. Ivana war laut und klar, aber nicht für sich – sondern für den gemeinsamen Kampf. Sie war eine junge Frau, die zweite Tochter einer alleinerziehenden Arbeiterin, und sie war es gewohnt zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Mit diesen proletarischen Eigenschaften bewegte sie sich in den Räumen der Revolutionär:innen, wie ein Fisch im Wasser.
Der Weg nach Rojava
2014 griffen die faschistischen Banden des IS die junge Rojava Revolution an, massakrierten die Bevölkerung und verschleppten Frauen und Kinder. Der türkische Staat paktierte mit den Banden und die Imperialisten schauten dem kurdischen Volk, den Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ zu, wie sie für Demokratie kämpften.
Ivana analysierte diese Situation gemeinsam mit ihren Genoss:innen. Alle fragten sich, was ist meine Rolle? Was kann ich tun, um die Revolution, den Hoffnungsschimmer der Sozialist:innen und Unterdrückten, zu verteidigen? Für Ivana war es eindeutig. Sie wollte mit ihrem ganzen Leben kämpfen für die Revolution. Sie setzte sich ein Ziel: Selbst nach Rojava zu gehen und ein Teil der Revolution werden.
Wenn Ivana sich aus einer Notwendigkeit heraus ein Ziel setze, dann tat sie auch alles um dieses zu erreichen. Sie war kein Mensch der halben Sachen oder leeren Worte. Die überzeugte ihre Organisation davon, dass sie mit ihrem jungen 18 Jahren den Herausforderungen des Krieges würde standhalten können. Sie brach ihr Abitur ab. Sie schrieb ihrer Familie einen Brief und machte sich auf den Weg.
Was sie tat, tat sie mit einer Konsequenz, die entschlossene Revolutionär:innen auszeichnet: Für sie war es keine Frage, auch eine risikoreiche Aufgabe zu übernehmen, wenn die Revolution verteidigt werden musste. Für sie war es keine Frage, die Aktionen zu organisieren, selbst wenn der Verein leer war und viele Genoss:innen den Sinn des politischen Kampfes in Frage stellten. Für sie war es keine Frage, auch an der Schule die Young Struggle Zeitschrift an Mitschüler:innen zu verteilen. Sie strahle ihre Überzeugungen mit jeder Faser ihres Körpers aus. Dabei tat sie, was getan werden musste, ohne eine große Sache daraus zu machen.
Bevor sie ging, wollten die Genoss:innen mit Ivana Kleidung kaufen. Sie bekam genug Geld, um sich gute und robuste Sachen zu kaufen. Was machte sie? Statt einem paar guter Schuhe für Wind und Wetter, kaufte sie liebe mehrere Paar güstiger Schuhe, um sie den anderen Genoss:innen mitzubringen.
Ivanas Erbe feiern und kommende Kämpfe vorbereiten
Einige Zeit nach der Bekanntmachung von Ivanas Unsterblichkeit sagten ihre Genoss:innen: „Einem so bunten und fröhlichen Menschen wie Ivana kann man mit nichts besser gedenken als mit einem Festival!“ Diese Tradition lebt weiter und elf Jahre später findet in Duisburg wieder ein Festival statt. Es dient dazu neuen Generationen von Jugendlichen Ivanas Geschichte zu erzählen und mit Freund:innen, Familie und Nachbar:innen zum gemeinsamen Erinnern zusammen zu kommen. Für Revolutionär:innen ist es aber auch eine Chance sich mit dem eigenen Revolutionärsein auseinander zu setzen. Denn die Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit, die als Eigenschaften Ivanas hervorgehoben werden, zeigen sich nicht nur in den außergewöhnlichen Momenten. Sie zeigen sich in der Begegnung mit den Gefallenen und in der alltäglichen politischen Arbeit; im Alltag. Die monatelange Vorbereitung einer solcher Großveranstaltung erfordert hunderte Arbeitsstunden vieler Genoss:innen. Ob das Festival dem Erbe Ivanas gerecht wird, hängt von der Disziplin ab, die jede:r Einzelne bereit ist in diese Vorbereitung zu stecken. Wurden auch Tickets in den Schulen verkauft? Wurde sich Zeit genommen, um Nachbar:innen einzuladen? Wurde die Musikanlage einmal getestet? Die Tische sauber gemacht? Die Haltung mit der diese „kleinen“ Aufgaben gemacht werden, spiegelt die Haltung zu den Gefallenen und dem revolutionären Kampf an sich wieder.
Gedenken, ob an Ivana oder die Kommunist:innen, die das KZ Buchenwald befreiten, ist kein Selbstzweck. Durch eine Schweigeminute, eine rote Nelke auf einem Grab oder einem Festival alleine ist dem Andenken an die Vorkämpfer:innen nicht ausgedient. All diese Menschen haben mit Werten und Prinzipien, mit Hoffnung und Überzeugung gekämpft. Die 33 Gefallenen des Suruc Massakers, hatten das Ziel Kobanê (Rojava) wieder aufzubauen und die Revolution weiter zu entwickeln. Sie haben die internationale Solidarität tief in ihren Herzen getragen. Der Genosse Özgür Namoğlu ist in die freien Berge Kurdistans gezogen, mit dem Ziel einem freien Kurdistan als kommunistischer Militanter einen Schritt näher zu kommen. Er hat den Glauben an den Sozialismus mit jedem Schritt weitergetragen. Der faschistische Feind hat ihnen allen die Möglichkeit genommen, ihre Träume selbst zu verwirklichen.
All diesen Kämpfer:innen und Genoss:innen gerecht werden, können wir nur, wenn wir in ihre Fußstapfen treten. Ein Festival für Ivana, ein Tournier für den begeisterten Fußballfan Özgür oder eine Suruc Gedenkdemonstration, erfüllen ihr Ziel also nur, wenn sie unseren Kampf weiter bringen. Wenn sie von jede:r einzelnen Revolutionär:in genutzt werden um sich selbst und die eigene Bereitschaft und Haltung zu den Aufgaben, die vor ihnen liegen, aktiv zu hinterfragen.
Mit Ivana gegen den Imperialismus stehen
Das 11. Ivana Hoffmann Festival findet in einer politisch sehr aufgeladenen Zeit statt. Am besten führen uns die ausbrechenden Kriege und die Milliarden, die heute von Staaten wie Deutschland in Aufrüstung investiert werden, vor Augen, was noch auf uns zukommen wird. Die Imperialisten befinden sich in einer Zeit der Vorbereitung auf einen 3. Weltkrieg. Auf dem NATO Gipfel in Ankara am 7. und 8.7 wollen sie bei gutem Essen ihre nächsten Schritte planen. Die Proteste gegen den G7 Gipfel haben gezeigt: Es gibt viele Menschen, die Schluss machen wollen mit der Herrschaft einiger weniger Mächtiger über den Rest der Welt. Vor den Revolutionär:innen, den Kriegsgegner:innen, den Antifaschist:innen und Demokrat:innen liegen viele Aufgaben. Die ankündigten Proteste gegen den NATO Gipfel werden jetzt bereits großflächig verboten, die Stadt abgeriegelt und junge Sozialist:innen inhaftiert. Und was bedeutet das für die Revolutionär:innen?
Wer eine Situation analysiert und eine Notwendigkeit zum handeln erkennt, der braucht den Mut, an dem Ziel festzuhalten und alles daran zu setzen es zu erreichen. Die Kommunist:innen aus Buchenwald, Ivana, Özgür, die 33 Suruc Gefallene; sie alle haben aus einer Notwendigkeit eine Entscheidung getroffen. Ivana ist dazwischen gegangen, als Jugendliche sich auf der Straße gestritten haben. Sie hat an allen Orten ihres Lebens versucht Jugendliche für den politischen Kampf zu gewinnen und hat Young Struggle Zeitungen an ihre Mitschüler:innen verkauft. Als die Bundeswehr in seine Schule kam, ist Özgür aufgestanden und hat eine Rede gehalten, obwohl im das schwer viel.
Das 11. Ivana Hoffmann Festival wird erfolgreich gewesen sein, wenn Ivanas Hartnäckigkeit sich den kleinen und großen Momenten, den Diskussionen zwischen Genoss:innen und der Bereitschaft einen neuen Schritt zu wagen zeigt. Wenn ihre Entschlossenheit sich im Kampfgeist der Jugend gegen den Imperialismus auf den Straßen wieder spiegelt.
Berxwedan Jiyane


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