Pirsûs und die Rolle des Internationalismus für die Jugend heute

Elf Jahre nach dem Massaker von Pirsûs (türk. Suruç) und wenige Tage nach dem NATO-Gipfel in Ankara stellt sich erneut dieselbe Frage: Welche Antwort muss die Jugend auf eine Zeit geben, in der die imperialistischen Mächte ihre Kriegsvorbereitungen beschleunigen und damit versuchen, uns unsere Zukunft weiter aus den Händen zu nehmen?

Mit dem NATO-Gipfel wurde die internationale Organisierung von Aufrüstung und Kriegspolitik erneut deutlich. Umso aktueller wird das Vermächtnis der 33 Revolutionär:innen von Pirsûs. Die Antwort darauf muss heute eine Stärkung des Internationalismus im Kampf gegen Krieg und Aufrüstung sein.

Imperialismus und die Vorbereitung auf neue Kriege

Der Imperialismus organisiert seine Kriege längst international. Vom Genozid am palästinensischen Volk über die anhaltenden Angriffe auf die Revolution in Rojava bis hin zur Ausweitung des Krieges gegen den Libanon verdichten sich die Konflikte im Mittleren Osten zu einer Neuordnung der Region im Interesse der imperialistischen Mächte. Gleichzeitig treiben die herrschenden Klassen die Militarisierung ihrer eigenen Gesellschaften voran.

Der NATO-Gipfel in Ankara verdeutlicht diese Entwicklung. Es wurden milliardenschwere Rüstungsvereinbarungen angekündigt. Bekräftigt wurde außerdem das Ziel, die Militärausgaben der Mitgliedstaaten auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen – davon 3,5 Prozent für Verteidigung und 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Infrastruktur und Cybersicherheit. Der Gipfel ist Ausdruck verschärfter zwischenimperialistischer Widersprüche. Die zunehmende Militarisierung dient nicht der „Verteidigung“, sondern der Vorbereitung auf einen neuen großen Krieg um die Neuaufteilung der Welt.

Die Kriegsvorbereitungen der NATO und die Ausweitung imperialistischer Kriege zeigen erneut, dass Internationalismus keine freiwillige Ergänzung revolutionärer Politik ist. Er ist eine politische Notwendigkeit. Gerade deshalb gewinnt die Erfahrung von Pirsûs neue Aktualität.

Pirsûs bedeutet, praktischen Internationalismus zu organisieren

Die Delegation nach Kobanê verstand bereits 2015, worauf es in einer Phase imperialistischer Kriege ankommt. Die Jugendlichen wollten die Grenze überqueren und beim Wiederaufbau der befreiten Stadt helfen, um selbst Teil des revolutionären Prozesses zu werden. Internationalismus bedeutete für sie, die Kämpfe der Völker praktisch miteinander zu verbinden und sich gemeinsam gegen Faschismus, Chauvinismus, Rassismus und Imperialismus zu organisieren.

Hinter der von der SGDF (Föderation der sozialistischen Jugendverbände) organisierten Kampagne „Gemeinsam haben wir Kobanê verteidigt – gemeinsam werden wir es wieder aufbauen“ stand eine weitergehende politische Perspektive. Nach den Gezi-Aufständen und der Revolution in Rojava entstand die reale Möglichkeit, dass sich die revolutionären Entwicklungen in der Türkei und Kurdistan gegenseitig verstärken könnten. Die Delegation verstand sich deshalb nicht allein als Solidaritätsinitiative für Kobanê. Sie wollte eine Brücke zwischen den Volksaufständen in Gezi und der Revolution in Rojava schlagen und damit die Perspektive einer gemeinsamen Revolution der Völker der Region voranbringen.

Diese Perspektive des gelebten und praktischen Internationalismus brachte Hunderte zusammen. In Bussen fuhren sie durch ganz Türkei und Nordkurdistand. In Dutzenden Städten fanden sich immer mehr Menschen zusammen, die sich von dieser Idee begeistern ließen. Es wurden Sachspenden gesammelt, um den Wiederaufbau der Stadt zu unterstützen. Trotz zahlreicher Repressionen erreichte die Delegation Pirsûs und erkämpfte schließlich, dass ein Teil der Angereisten nach Kobanê einreisen durfte.

Die Perspektive einer gemeinsamen Revolution der Völker, die Hoffnung und die Träume der Jugend, der Frauen und aller Unterdrückten sollten jedoch zerschlagen werden, als sich am 20. Juli 2015 ein Selbstmordattentäter des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) im Amara-Kulturzentrum in die Luft sprengte und 33 Menschen ermordete.

Gerade die Perspektive einer gemeinsamen Revolution, einer Brücke von Gezi nach Kobanê, machte Pirsûs zu einem strategischen Angriffsziel. Mit der Ermordung der 33 sollte nicht lediglich eine Jugenddelegation zerschlagen werden. Angegriffen wurde der Versuch, aus den unterschiedlichen revolutionären Prozessen der Region einen gemeinsamen politischen Willen entstehen zu lassen. Ziel des Anschlags war es, die Verbindung dieser Erfahrungen zu verhindern, bevor sie sich dauerhaft festigen konnte.

Die Gegenoffensive des Staates und die Antwort der Revolutionär:innen

Pirsûs war der Auftakt einer strategischen Gegenoffensive. Mit dem Anschlag sollte die politische Dynamik unterbrochen werden, die sich von Rojava über Bakur bis nach Gezi entwickelt hatte.

Der wenige Tage später erfolgte Abbruch des Friedensprozesses markierte nicht nur das Ende der Verhandlungen. Er leitete den Übergang zu einer umfassenden konterrevolutionären Offensive ein. Das türkische Regime und die herrschende Klasse reagierten mit der Belagerung und Zerstörung kurdischer Städte, der Kriminalisierung revolutionärer Organisationen sowie der massiven Ausweitung staatlicher Repression. Sie reagierten damit auf die Gefahr, dass sich die Kämpfe der Arbeiter:innenklasse, der Jugend und der unterdrückten Völker politisch annähern und zu einer dauerhaften revolutionären Kraft entwickeln könnten.

Diese Entwicklung war zugleich Teil der imperialistischen Neuordnung des Mittleren Ostens. Während die Revolution in Rojava eine reale Alternative zu Krieg, Kolonialismus und Herrschaft entwickelte, arbeiteten regionale und internationale Kräfte an ihrer militärischen und politischen Isolierung. Der Angriff auf Pirsûs und der anschließende Abbruch des Friedensprozesses dienten demselben strategischen Ziel: die Entstehung eines gemeinsamen antiimperialistischen Pols in der Region zu verhindern.

Dennoch scheiterte die Konterrevolution daran, den Internationalismus zu zerschlagen. Viele Genoss:innen der Gefallenen führten den begonnenen Kampf fort und schafften es, die Kampagne zu Ende zu führen. Sie setzten ihren politischen Kampf in den Betrieben, an den Universitäten, in den Stadtteilen, in den Gefängnissen und in den Reihen der Revolution in Rojava fort. Gerade unter den Bedingungen verschärfter Repression zeigte sich, dass sich proletarischer Internationalismus im gemeinsamen Widerstand gegen Krieg, Faschismus und Imperialismus bewährt.

Diese Erfahrung wirft auch heute dieselbe Frage auf: Wie kann die revolutionäre Bewegung den international koordinierten Angriffen des Imperialismus eine ebenso koordinierte Antwort entgegensetzen? Das Vermächtnis von Pirsûs besteht deshalb in der Aufgabe, den proletarischen Internationalismus unter den heutigen Bedingungen weiterzuentwickeln und praktisch zu organisieren.

Das Vermächtnis von Pirsûs fortführen

Elf Jahre nach dem Massaker steht die revolutionäre Bewegung erneut vor derselben Aufgabe. Während die NATO ihre Kriegsvorbereitungen beschleunigt und die imperialistischen Staaten ihre Angriffe koordinieren, wächst zugleich die Verantwortung, die Kämpfe der unterdrückten Völker und der revolutionären Kräfte enger miteinander zu verbinden.

Dass heute dieselben revolutionären Jugendorganisationen, die bereits die Kampagne „Gemeinsam haben wir Kobanê verteidigt – gemeinsam werden wir es wieder aufbauen“ getragen haben, trotz massiver Repression und Verhaftungswellen erfolgreich gegen den NATO-Gipfel mobilisiert haben, zeigt diese politische Kontinuität. Trotz jahrelanger Repression, Dutzender Gefallener und unzähliger politischer Gefangener – unter ihnen Überlebende von Pirsûs – wurde die politische Linie des proletarischen Internationalismus im antiimperialistischen Kampf nicht gebrochen.

Von der Delegation nach Kobanê über die Karawane zur Verteidigung der Revolution in Rojava bis zu den Flottillen gegen die Blockade des Gazastreifens zieht sich derselbe rote Faden. Immer wieder haben Revolutionär:innen versucht, die Isolation von Befreiungskämpfen zu durchbrechen und die Kämpfe der Völker praktisch miteinander zu verbinden. Hinter all diesen Erfahrungen steht auch das Vermächtnis von Pirsûs.

Gerade deshalb ist Pirsûs kein Kapitel der Vergangenheit. Die politische Perspektive der 33 lebt dort weiter, wo Revolutionär:innen gemeinsame Verantwortung übernehmen und den Internationalismus in die Praxis übersetzen. Das Vermächtnis von Pirsûs weiterzuführen bedeutet heute, die Verbindung der antiimperialistischen Kämpfe zu vertiefen, die Errungenschaften der Revolution in Rojava – insbesondere der Frauenrevolution und ihrer Institutionen – zu verteidigen und den Widerstand gegen NATO, Kriegspolitik, Faschismus und Imperialismus kontinuierlich gemeinsam zu organisieren.

Der türkische faschistische Staat hat Hunderte Revolutionär:innen rund um die Mobilisierungen gegen den NATO-Gipfel ins Gefängnis gesteckt. Unter ihnen befinden sich auch Überlebende des Massakers. Das Vermächtnis der 33 bedeutet deshalb auch, den Kampf gegen den türkischen Faschismus zu intensivieren und die Freiheit aller politischen Gefangenen zu fordern.

Das Gedenken an Pirsûs ruft uns dazu auf, die kommenden Wochen mit neuer Kraft zu füllen. Der jüngste Gefallene, Okan Pirinç, war 18 Jahre alt. Die Schüler:innen, die in Deutschland den Schulstreik organisieren und am 20. Juli Okans Bild tragen, sind das Zeichen an die Mörder von Suruç, die sich am 7. und 8. Juli in Ankara getroffen haben: Die revolutionäre Jugend lässt sich nicht aufhalten. Sie wird den Weg von Pirsûs weitergehen.

Es ruft uns dazu auf, in alle Kämpfe konsequent die Linie des proletarischen Internationalismus zu tragen – sei es bei den kommenden Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, im Rheinmetall-Entwaffnen-Camp oder bei den Sozialprotesten gegen Kürzungen.