„Der Kampf ist nicht vorbei“ – Ein Gespräch mit der Gemeinschaft von Prosfygika

Nach 138 Tagen Hungerstreik und Monaten der Auseinandersetzung hat die selbstorganisierte Gemeinschaft von Prosfygika in Athen einen wichtigen politischen Erfolg erzielt. Der Athener Stadtrat hat die zentralen Forderungen der Bewohner grundsätzlich anerkannt und die Gemeinschaft erstmals als kollektive Verhandlungspartnerin für die Zukunft des Viertels anerkannt. Dennoch bleibt die Situation angespannt: Die Gesundheit der Hungerstreikenden ist weiterhin kritisch, und die Gefahr staatlicher Repression besteht fort.

Wir haben mit Moll und Nikos aus der Gemeinschaft von Prosfygika über den Hungerstreik, die politische Bedeutung dieses Erfolgs und die nächsten Schritte im Kampf um den Erhalt des Viertels gesprochen.

Was ist in Prosfygika passiert und wie ist die aktuelle Situation – sowohl in der Gemeinschaft als auch bei den Hungerstreikenden?

Moll: In den vergangenen Wochen hat sich unser Kampf deutlich zugespitzt. Besonders der Gesundheitszustand unseres Genossen Aristos verschlechterte sich während seines Hungerstreiks dramatisch. Nach 138 Tagen ohne Nahrung musste er in kritischem Zustand ins Krankenhaus gebracht werden. Daraufhin gingen Tausende Menschen auf die Straße. Am Mittwoch befasste sich schließlich der Athener Stadtrat mit der Situation in Prosfygika und stimmte den drei zentralen Forderungen der Gemeinschaft grundsätzlich zu. Auch wenn noch nicht alle Fragen geklärt sind, werten wir dies als einen wichtigen Erfolg. Deshalb haben wir den Hungerstreik beendet. Der Kampf ist jedoch nicht vorbei. Die politischen Zusagen müssen nun umgesetzt werden. Zudem bleibt der Gesundheitszustand der beiden Hungerstreikenden, AristosChanztis und Susanne Doppagne, weiterhin kritisch. Beide befinden sich unter ärztlicher Aufsicht in der gefährlichen Phase der Wiederernährung.

Welche politische Bedeutung hat der Erfolg?

Nikos: Auslöser war eine Entscheidung der Region Attika aus dem Juni 2025, die Gebäude von Prosfygika sanieren zu wollen. Dabei wurde erneut behauptet, sie stünden leer – ein Narrativ, das der Staat seit Jahren nutzt, um eine Räumung des selbstorganisierten Viertels zu rechtfertigen. Als wir von diesen Plänen erfuhren, bereiteten wir uns auf eine mögliche Räumung vor. Unsere Strategie, die wir bereits 2020 beschlossen hatten, beruht auf drei Säulen.

Die erste Säule ist die soziale Selbstverteidigung. Wir wollen der Öffentlichkeit zeigen, was Prosfygika ist: ein Beispiel dafür, wie Menschen sich selbst organisieren, solidarische Strukturen aufbauen und gemeinsam Widerstand leisten. Es geht nicht nur darum, staatlicher Repression entgegenzutreten, sondern zugleich eine andere Form des Zusammenlebens praktisch zu verwirklichen. Die zweite Säule ist die physische Präsenz. Menschen leben, arbeiten und bauen hier gemeinsam Strukturen auf. In Prosfygika leben Menschen aus 27 Ländern, und es existieren 22 selbstorganisierte, für alle offene soziale Projekte und Einrichtungen. Die dritte Säule ist die juristische und institutionelle Arbeit. Diese drei Bereiche gehören zusammen. Deshalb haben wir auch auf internationaler Ebene gearbeitet – etwa mit dem Europäischen Parlament, den Vereinten Nationen und Amnesty International. Ziel war es, die Darstellung des Staates zu widerlegen, wonach Prosfygika ein leerstehendes oder kriminelles Viertel sei. Das verbindende Instrument all dieser Ebenen war der Hungerstreik. Er machte unsere drei zentralen Forderungen sichtbar: die Rücknahme der Vereinbarung zur Räumung und Sanierung, das Bleiberecht aller Bewohner:innen sowie eine Sanierung unter Verantwortung der Gemeinschaft statt des Staates.

Vor wenigen Tagen verabschiedete der Athener Stadtrat schließlich eine Resolution, die diese Forderungen grundsätzlich anerkennt. Besonders wichtig ist dabei, dass die Gemeinschaft von Prosfygika offiziell als kollektive Gesprächs- und Verhandlungspartnerin anerkannt wird. Künftig soll sie an allen Entscheidungen über die Zukunft des Viertels beteiligt werden. Die Resolution enthält weitere wichtige Punkte. Sie fordert die Region Attika auf, die Vereinbarung zurückzunehmen, und erkennt das Recht aller Mitglieder der Gemeinschaft an, dauerhaft in Prosfygika zu bleiben. Sollten Renovierungsarbeiten stattfinden, sollen die Bewohner:innen nicht aus dem Viertel verdrängt, sondern – falls nötig – innerhalb des Quartiers in andere Wohnungen umziehen. Von besonderer Bedeutung ist außerdem, dass die Stadt Athen über konkrete Handlungsmöglichkeiten verfügt. Da ihr das Grundstück gehört, können Bauarbeiten ohne ihre Zustimmung nicht beginnen. Sie erteilt außerdem die notwendigen Baugenehmigungen und kann diese verweigern. Auch im Bereich des sozialen Wohnungsbaus besitzt sie entscheidende Zuständigkeiten. Dadurch kann sie die Pläne der Region Attika blockieren, solange die Forderungen der Gemeinschaft nicht erfüllt werden. Ein weiterer großer Erfolg besteht darin, dass die Gemeinschaft von Prosfygika inzwischen weit über das Viertel hinaus anerkannt wird – sowohl von sozialen Bewegungen als auch von internationalen Institutionen. Diese breite Unterstützung verleiht dem Kampf zusätzliche politische Stärke.

Das scheint ein Erfolg auf vielen Ebenen zu sein. Welche Bedeutung hat dieser Erfolg, und was wird jetzt gebraucht?

Nikos: Nach vielen Jahren, in denen soziale Bewegungen – besonders in Griechenland seit 2012 – vor allem Niederlagen erlebt haben, ist dieser Erfolg ein wichtiges Zeichen der Hoffnung. Er zeigt, dass organisierter Widerstand und solidarische Selbstorganisation konkrete Ergebnisse erzielen können. Gleichzeitig bedeutet dieser Erfolg nicht, dass die Gefahr vorbei ist. Im Gegenteil: Jeder Sieg sozialer Bewegungen setzt den Staat unter Druck. Wir rechnen deshalb damit, dass die Regierung und konservative Kräfte ihre Propaganda gegen Prosfygika verstärken und versuchen werden, diese Niederlage auszugleichen. Gerade mit Blick auf die Wahlen im kommenden Jahr wird die Regierung vermeiden wollen, den Eindruck zu erwecken, Hausbesetzer:innen hätten sich durchgesetzt. In Griechenland wurden Besetzungen bislang nie als legitime Akteure anerkannt, sondern konsequent kriminalisiert. Dass staatliche Stellen nun mit der Gemeinschaft verhandeln, stellt deshalb einen politischen Bruch dar. Besonders in den Sommermonaten bleibt die Gefahr einer Räumung oder anderer Repressionsmaßnahmen hoch. Während dieser Zeit ist Athen oft leerer, viele Aktivist:innen sind nicht vor Ort. Deshalb brauchen wir jetzt internationale Solidarität – Menschen, die unsere Situation bekannt machen und, wenn möglich, nach Prosfygika kommen, um die Gemeinschaft durch ihre Anwesenheit und praktische Unterstützung zu stärken.

Moll: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Die Gebäude müssen gemeinsam renoviert, die selbstorganisierten Strukturen weiter ausgebaut und die errungenen Rechte verteidigt werden. Entscheidend ist, dass Prosfygika nicht isoliert wird. Diese Gemeinschaft ist ein konkretes Beispiel dafür, dass Selbstorganisation und solidarisches Zusammenleben funktionieren können. Gerade für Internationalist:innen ist Prosfygika ein Ort des Austauschs und des gemeinsamen Lernens. Deshalb rufen wir dazu auf, in diesem Sommer nach Prosfygika zu kommen, die Gemeinschaft zu unterstützen und gemeinsam den erreichten Erfolg gegen mögliche Angriffe des Staates zu verteidigen. Wir möchten betonen, dass dieser Erfolg nicht das Ende des Kampfes bedeutet. Die Resolution des Athener Stadtrats ist ein wichtiger Schritt, doch nun müssen auch die Region Attika und die Regierung die Gemeinschaft als legitimen Verhandlungspartner anerkennen. Jede Entscheidung über die Zukunft von Prosfygika muss gemeinsam mit der Gemeinschaft getroffen werden. Unser Ziel ist, dass Prosfygika als selbstorganisierte Gemeinschaft mit ihren rund 400 Bewohner:innen dauerhaft anerkannt wird – mit dem Recht, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Nur so können wir unsere Energie darauf richten, diesen befreiten Raum im Herzen Athens weiterzuentwickeln, anstatt ständig auf Repression und Räumungsdrohungen reagieren zu müssen.

Wir verstehen diesen Erfolg nicht nur als unseren eigenen, sondern als einen Erfolg der Gesellschaft insgesamt. In einer Welt, die von Krieg, autoritären Entwicklungen und sozialen Krisen geprägt ist, organisieren sich Menschen überall selbst und leisten Widerstand. Der Kampf von Prosfygika zeigt, dass Selbstorganisation, Solidarität und gemeinsames Handeln tatsächlich etwas verändern können. Gleichzeitig wollen wir uns weiter mit anderen Kämpfen vernetzen, voneinander lernen und unsere Erfahrungen teilen. Internationale Solidarität bedeutet nicht nur Unterstützung, sondern auch gegenseitigen Austausch und gemeinsames Lernen.