Videos nach Palästina-Demonstrationen in Berlin, die viral gehen: eine Polizei, die bei den Demonstrationen Berlins als Allererstes versucht, die Kopftücher der Frauen herunterzureißen. Eine Polizei, die an die Brüste und in die Unterhosen von demonstrierenden Frauen fasst. Berichte von gewaltvollen Nacktdurchsuchungen. Dokumentationen von Würgegriffen beim Abführen. Sexualisierte Polizeigewalt? Ist es nicht einfach die „normale“ Brutalität, die wir alle von der Polizei zu spüren bekommen? Schläge,Erniedrigung und eklige Kommentare sind doch nicht geschlechtsspezifisch. Und doch treten in Deutschland bestimmte Methoden der Polizei zum Vorschein, die sich von dem Bekannten abheben und für die Betroffenen schwerer einzuordnen sind. Doch was hat das Patriarchat damit zu tun? Findet es sich tatsächlich in dieser Gewalt wieder? Und lenkt uns der Kampf gegen sexualisierte Polizeigewalt nicht von unseren eigentlichen Zielen ab?
Der besondere Charakter der sexualisierten Polizeigewalt
Wenn wir unseren Blick über die Grenzen Deutschlands erweitern, dann wird die Antwort auf diese Fragen deutlicher. Statistiken, Zahlen und Berichte erfassen die geschlechtsspezifische Gewalt der Repressionsorgane international. Sie tritt mit so einer Systematik auf, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handeln kann. Sie verkörpert die Unterdrückung durch ein patriarchales, kapitalistisches System, dass durch das Militär, die Polizei und Gefängnispersonal in die Tat umgesetzt wird. Diese geschlechtsspezifische Gewalt wurde in der Vergangenheit vor allen Dingen in dieser Systematik gegen eine Gruppe von Gefangenen ausgeübt: politische Gefangene. Dies belegt ein Bericht des Rechtshilfeprojekts gegen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung in Haft aus der Türkei. Demnach waren 85% der Frauen, welche in den Jahren zwischen 1997 und 2004 von sexualisierter Gewalt in Haft berichteten, aus politischen Gründen inhaftiert. Dieses Muster zieht sich durch zahlreiche Berichte aus verschiedenen Ländern. Somit wird sexualisierte Gewalt gezielt gegen politische Frauen eingesetzt. Es handelt sich hierbei also nicht um wahllose Gewalt ausgehend von Einzelpersonen, sondern um einen ideologischen Angriff gegen widerständige Frauen, bei dem Nacktdurchsuchungen bis hin zu Vergewaltigungen gezielt als Machtdemonstration eingesetzt werden. Sexualisierte Gewalt wird dort, wo Besatzung und Kolonialismus herrschen, auch systematisch gegen Männer eingesetzt als rassistisches Mittel der Demütigung und „Entmännlichung“. Beispielsweise war Vergewaltigung eine der grundlegendsten Foltermethoden, die von den USA an irakischen Männern angewendet wurden oder welche IDF-Soldaten aktuell systematisch gegen palästinensische Gefangene ausüben, eine Vielzahl von ihnen Männer. Ebenso vom türkischen Staat, insbesondere gegen kurdische Gefangene. Beispielsweise wurden während des Putsches vom 12. September 1980 kurdische Männer in den Gefängnissen Diyarbakırs systematisch sexuell gefoltert. Sexualisierte Polizeigewalt bezeichnet also eine spezifische Form der Gewalt, die insbesondere gegen politische Gefangene eingesetzt wird, um sie konkret geschlechtsspezifisch zu „entwerten“ und anzugreifen.
Es ist eine Gewalt, welche insbesondere revolutionären Frauen angetan wird, um ihnen eine „Lektion zu erteilen“, sie von ihrem Kampf abzuhalten, sie zu demütigen und ein Gefühl von Wertlosigkeit zu schaffen. Also ja, es handelt sich um eine spezifische Form der Gewalt. Eine Gewalt, die organisiert und spontan eingesetzt wird und die Frauen direkt als Geschlecht angreift. Die Botschaft lautet: Frauen, die ihre Rechte einfordern und für Freiheit kämpfen, werden auf diese Weise bestraft. Es wird versucht, unter Frauen Angst zu säen. Das eigentliche Ziel dieser Angriffe ist also nicht unser Körper, sondern die Zerstörung unserer Träume von Freiheit und unseres Kampfes dahin.
Einzelfälle oder Systematik?
Anstatt die besondere Qualität der sexualisierten Gewalt als diese zu benennen, wird sexualisierte Polizeigewalt in Deutschland immer wieder auf eine Kontinuität der steigenden Polizeibrutalität reduziert und selten als eine eigenständige Problematik behandelt. Dadurch aber, dass Frauen sich vermehrt trauen, das Erlebte öffentlich zu machen, tritt dennoch eine Steigerung und gewisse Systematik der sexualisierten Polizeigewalt zutage, welche gezielt gegen politische und fortschrittliche Frauen eingesetzt wird. In diesem Zuge entwickelt sich bezüglich der sexualisierten Polizeigewalt ein spontanes Bewusstsein in der politischen Bewegung.
Diese spezifische Gewalt steigt aktuell vor allen Dingen aus zwei Gründen: Frauen kristallisieren sich auch in Deutschland immer weiter als ein tragender Teil einer fortschrittlichen und revolutionären Bewegung heraus, sei es in den Protesten für Palästina oder bei den aktuellen Schulstreiks. Frauen machen einen großen Teil dieser Proteste aus und geraten somit in das Visier des Staates. Gleichzeitig sieht der Staat in Zeiten der Kriegsvorbereitung und aufsteigendem Faschismus einen besonderen Platz für Frauen vor: im Haus als Hausfrauen und Mütter. Insbesondere junge Frauen widersetzen sich diesem Bild aktuell. Dies zeigt sich auch in Umfragen, in welchen junge Frauen tendenziell eher links wählen, während junge Männer sich eher nach rechts wenden. Somit hat eine sexualisierte Polizeigewalt das Ziel, die fortschrittlichste gesellschaftliche Kraft als Geschlecht anzugreifen, um den Widerstand im Gesamten zu schwächen. Hierfür setzt er gezielt die Brutalität des Patriarchats ein, welche sich gegen Frauen als unterdrücktes Geschlecht richtet.
Methoden der Polizei werden hierbei auch von internationalen Bündnispartnern wie Israel abgeguckt. Die Bundesregierung hat die militärische und polizeiliche Zusammenarbeit mit Israel in den vergangenen Jahren vertieft. Zuletzt machte die Bundespolizei Schlagzeilen damit, auf einer geheimen Sicherheitskonferenz in Israel anwesend zu sein. Praktisch zeigt sich diese Zusammenarbeit in Berlin, wo die Berliner Polizei beispielsweise Handbücher der israelischen Polizei zu Schmerzgriffen einsetzt. Dahingehend ist auch das Abgucken verschiedener Methoden sexualisierter Polizeigewalt von internationalen Bündnispartnern naheliegend.
Eine Repression, die darauf abzielt, einen der fortschrittlichsten Teile des Widerstandes gegen dieses System von der Straße fernzuhalten. Eine Repression, die Frauen direkt in ihrem Willen und ihrer Entschlossenheit treffen soll. Die Folgen zeigen sich darin, dass politische Frauen immer wieder Probleme haben, das Erlebte einzuordnen und zu benennen. Ein Schweigen zu den eigenen Erfahrungen oder ein Runterspielen des Erlebten hat sich ausgebreitet. Frauen, die erst nach Monaten berichten, dass sie bei ihrer Festnahme nackt in eine Zelle gesperrt wurden. Frauen, die erst nach und nach begreifen, was ihnen widerfahren ist, und sich entscheiden, ihr Schweigen zu brechen. Nein, sexualisierte Polizeigewalt ist kein Phänomen, welches wir von weitem beobachten. Es ist eine Gewalt, welche nach und nach auch hier in Deutschland zu den Repressionen gegen politische und fortschrittliche Bewegungen dazugehört und über die spontane sexuelle Belästigung einzelner Polizisten hinausgeht. Somit können wir aktuell bei der Entwicklung zuschauen, wie sexualisierte Gewalt systematisch Teil der Methodik in Deutschland wird. Beispielsweise berichteten die verschiedensten Frauen auf den Rheinmetall-Entwaffnen-Aktionen 2026 davon, dass unterschiedliche Polizist:innen Würgegriffe gezielt gegen Frauen anwendeten.
Dennoch beschränkt sich eine Reaktion auf veröffentlichte Fälle von sexualisierter Polizeigewalt meist auf kurzfristige Empörung online, welche wenig nachhaltige Perspektiven hervorbringt. Seien es Reaktionen zu den Würgegriffen in Nürnberg, den veröffentlichten Nacktdurchsuchungen oder auch den Berichten von internationalen Delegationen. Doch zuletzt zeigten sich Bestrebungen nach langfristigen Arbeiten: Paula Maier, Teil der deutschen Delegation nach Nordkurdistan, berichtete vor einigen Monaten von der Vergewaltigung in türkischer Haft, worauf eine Kampagne zu diesem Fall gestartet wurde. Auch die Konferenz gegen sexistische Polizeigewalt, welche am 18. Oktober in Berlin stattfindet, ist ein Schritt in Richtung einer Entwicklung langfristiger Perspektiven. Als Antwort auf die sexualisierte Polizeigewalt auf den Straßen Berlins während der Palästina-Proteste kam die Idee einer Konferenz auf. Gleichzeitig wurde in diesem Zuge auch zu den Veröffentlichungen von internationalen Delegationen gearbeitet, wie die Berichte von sexualisierter Gewalt in türkischer Haft der „Karawane nach Kobanê“ Anfang diesen Jahres oder die Vergewaltigung in israelischer Haft von Anna Liedtke am 10. Oktober 2025. Die aktuelle Lage in Deutschland zeigt die Suche nach Antworten auf die erlebte Gewalt, wobei ein unzureichender kollektiver Kampf innerhalb der politischen Bewegung deutlich wird und die Frage, wie ein gemeinsamer Kampf gegen sexualisierte Polizeigewalt aussehen kann, aufkommt.
Wie wehren wir uns?
Wir sind mit dem Ausbreiten einer Gewalt konfrontiert, zu welcher Organisationen und politische Frauen momentan erst ein Bewusstsein aufbauen. Ausgehend von dem wachsenden spontanen Bewusstsein muss sich aber nun die Frage gestellt werden, wie wir diese Gewalt gemeinsam zurückdrängen können. Wie ein organisierter Kampf geschaffen werden kann, welcher konkrete Methoden der sexualisierten Polizeigewalt bekämpft und verhindert, dass Nacktdurchsuchungen und Würgegriffe sich ungehindert in alle unsere Proteste, unseren Widerstand und unseren Alltag einschleichen können. Der direkte ideologische Angriff, welcher auf Frauen gestartet wird, muss als dieser begriffen und ein gezielter Kampf als Organisationen und Bewegung gegen Methoden der Polizei geführt werden.
Das Phänomen des fehlenden Bewusstseins in einer politischen Bewegung lässt sich nicht auf Deutschland beschränken. Länder, in welchen Frauen einen erfolgreichen Kampf gegen sexualisierte Polizeigewalt führten, waren teilweise mit schwererer Gewalt und einem dennoch fehlenden Bewusstsein unter politischen Organisationen konfrontiert. Beispielsweise lässt sich vom autonomen Kampf der Frauen in der Türkei Anfang der 2000er lernen. Vor den 2000ern wurde Vergewaltigung im Gefängnis in der Türkei beispielsweise als eine Methode der Folter betrachtet, welche sich in ihrer Schwere und Qualität nicht sonderlich von anderen Methoden unterscheidet. Männer, die in den Gefängnissen sexualisierte Gewalt erfuhren, schwiegen in den meisten Fällen aus Scham und unter Frauen existierte kein geteiltes Bewusstsein für die erlebte sexualisierte Polizeigewalt, während diese systematisch ausgeweitet wurde. Erst der konzentrierte Kampf von über 100 Frauen, die das Schweigen brachen, setzte das Thema auf die Tagesordnung der ganzen Türkei. Als die Anwältin Eren Keskin zusammen mit Frauen, die in der Haft vergewaltigt worden waren, in Istanbul im Jahr 2000 eine Pressekonferenz abhielt und Konsequenzen für die Täter forderte, schlugen die Wellen hoch in den türkischen Medien. Durch den Druck sah sich das faschistische Regime gezwungen, die rechtliche Betrachtung von sexualisierter Gewalt in Gefängnissen grundlegend zu ändern und als schwere Folter einzustufen. Weitere Frauen brachen das Schweigen und die Scham wechselte wortwörtlich die Seite, sodass eine deutliche Abnahme der Vergewaltigungen in Haft zu verzeichnen war und die Ausbreitung der sexualisierten Gewalt in Teilen zurückgedrängt werden konnte. Unter anderem wurde das gesellschaftliche Bewusstsein zu Folter und sexualisierter Gewalt in Haft bis heute geprägt. Beispielsweise definieren und bekämpfen politische Organisationen in der Türkei gewisse Methoden, im Gegensatz zu politischen Organisationen in Deutschland, konsequent als sexualisierte Folter. Hervorgehend aus einem Bewusstsein, welches insbesondere in diesen Jahren erkämpft wurde. Dazu gehört auch das Durchführen von Nacktdurchsuchungen, welche wir auch aus deutschen Berichten kennen.
Sexualisierte Polizeigewalt zurückdrängen!
Ein spontanes Bewusstsein, welches bei den Betroffenen aufkommt, muss also in ein organisiertes Bewusstsein und einen gemeinsamen Kampf umgewandelt werden. Bei den betroffenen Frauen sowie der gesamten Bewegung. Hierbei ist zentral, dass wir dieses Bewusstsein in unsere alltäglichen Kämpfe tragen. Sei es Palästina, der Schulstreik oder die Kampagnenarbeiten zum Tag gegen Gewalt an Frauen (25.11.). Überall dort sind wir auch als Frauen aktiv, welche diese Gewalt möglicherweise selbst kennen oder eine Angst vor dieser entwickelt haben. Einen politischen Kampf anhand dieser besonderen Qualität der Gewalt zu führen, bedeutet nicht, andere gesellschaftliche Kämpfe in den Hintergrund zu stellen. Im Gegenteil, es bedeutet, dort, wo Frauen gegen die bestehende Ordnung aufstehen, sei es autonom oder innerhalb von sozialen Kämpfen, mit der vereinten Kraft der Frauen die staatliche Gewalt und somit auch die Macht des Staates zurückzudrängen. Denn es sind genau diese Frauen, die in ihrem Widerstand und ihren Träumen von einem freien Palästina oder einer Welt ohne Krieg durch die sexualisierte Gewalt gebrochen werden sollen.
Die Erfahrungen anderer Frauen zeigen uns, dass das direkte Vorgehen gegen die Methoden der Polizei diese auch zurückdrängen kann. Sich also als Frauen, Organisationen und Initiativen unter spezifischen Forderungen zusammenzuschließen, kann einen einheitlichen und erfolgreichen Kampf gegen sexualisierte Gewalt hervorbringen. In Deutschland lässt sich beispielsweise erkennen, dass die unzureichende Rechtslage zu Nacktdurchsuchungen von der Polizei immer weiter ausgenutzt wird und sich in verschiedenen Formen ausbreitet. Dadurch, dass Nacktdurchsuchungen der Polizei ohne richterlichen Beschluss, im Gegensatz zu beinahe allen anderen EU-Staaten, erlaubt sind, macht sich in der aktuellen Situation durch die Intensivierung dieser Methode eine konkrete Forderung nach einer Gesetzesänderung deutlich. Zentral ist es, den Kampf gegen sexualisierte Polizeigewalt jetzt gemeinsam anzugehen und es gar nicht erst zu weitaus gewaltvolleren Methoden, wie systematischen Vergewaltigungen wie beispielsweise in der Türkei, kommen zu lassen. Dies bedeutet auch, unseren Widerstand in Gewahrsam zu erhöhen und uns konsequent in Maßnahmen gegen Nacktdurchsuchungen zu wehren. Ein Bewusstsein in der politischen Bewegung und unter den Frauen, ein Zusammenschluss dahingehend und das Tragen unserer Forderungen in die verschiedenen Kämpfe, die wir tagtäglich führen, sind die Kernaufgaben, wenn wir sexualisierte Polizeigewalt zurückdrängen wollen!


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