Brennende Mülltonnen, blockierte Schultore: „Deutschland würde niemals“. Aber diesen Montag und Dienstag sah das schon anders aus. Die französische Schule in Berlin und die Max-Brauer-Schule in Hamburg wurden blockiert, und das Lauffeuer des Aufstands, das mittlerweile von Paris, Madrid, Brüssel und Rom bis nach Tirana reicht, scheint auch in Deutschland anzukommen. Das Wichtigste ist es jetzt, das Mittel der Blockade auszuweiten und gleichzeitig die eigenen Forderungen zu vertiefen. Die Aktionen an den Schulen in Deutschland dürfen keine reinen Solidaritätsbotschaften mit den französischen Schüler:innen bleiben, sondern müssen eigene Forderungen aufstellen und diese mit dem Schwung der Pariser Banlieues erkämpfen.
Wie ein Lauffeuer
Ende September brachen spontane Schulboykotts in den Vororten von Paris, den sogenannten Banlieues, aus. Fehlende Lehrkräfte, keine Heizungen im Winter, keine Klima im Sommer – ein kaputt gespartes Bildungssystem. Was in wenigen Tagen von den Banlieues in einen landesweiten Jugendaufstand überging, war die Wut der proletarischen Schüler:innen, die sich über Jahre von untragbaren Lebensbedingungen und rassistischer Schikane aufgestaut hatte. Mit E-Rollern, Mülltonnen, Palästina-Fahnen, Spider-Man-Masken und TikTok brauchte es nur wenige Tage, bis 2.000 Schulen blockiert waren. Jeden Morgen standen Schüler:innen um 6 Uhr mit Kabelbindern vor ihren Schulen, suchten Mülltonnen und zündeten Bengalos. Aber fast zwei Wochen später gingen die Proteste weiter und brachten diesen Dienstag 500.000 Menschen in Paris auf die Straße.
Die Jugendaufstände in den Banlieues sind das Resultat der rassistischen Klassengesellschaft in Frankreich. Vor kurzem erst hatte die französische Polizei das sogenannte „Recht aufs Töten“ bekommen – den Rechtsschutz im Dienst zu morden. Der Mord von Nahel, aber auch die wochenlangen Aufstände 2023 dagegen, sind noch in den Köpfen der Jugend verankert. Es gibt keine Zukunftsperspektive in einem System wie diesem. Auch heute sitzen noch viele politische Gefangene in den Knästen Frankreichs, die aus der Zeit der Barrikaden für Nahel stammen. Sie werden selten in den Listen der Gefangenen aufgezählt, aber ihre Knastzeit ist genauso politisch. Die harte Repression gegen die Schulaufstände der letzten Wochen, aber auch die Furchtlosigkeit der Schüler:innen sind Produkte dieser verschärften Beziehung zwischen Unterdrückten und Staat. Mindestens ein Schüler hat ein Auge verloren, der andere seine Hand. In einem Video sieht man, wie ein Polizist einen Jugendlichen in einem Teich mit Wasser foltert.
Nach wenigen Tagen begannen auch in den städtischen, kleinbürgerlich geprägten Schulen die Blockaden. Hier mit mehr Schildern und Forderungen, dafür weniger Wut und Anzünden.
Das Verhältnis der Schüler:innen in den Banlieues gegenüber Organisationen und Gewerkschaften ist skeptisch. Aufrufe verbreiten sich besser über Memepages als über Flyer. Trotzdem etablierte sich der 17. Oktober, der Tag, der seit Monaten als großer Mobilisierungstag der Gelbwesten-Bewegung angekündigt war, zum zentralen Aufruf, von den Banlieues bis zur Feuerwehrgewerkschaft. In wenigen Tagen soll die gesamte Kraft der Schüler:innen und Arbeiter:innen in Frankreich auf den Straßen stehen. Die Regierung hat inzwischen keine nennenswerten Schritte gemacht, außer die Repression zu erhöhen und mehrere Schüler:innen ins Krankenhaus zu bringen. Frankreich hat schon viele spontane Massenbewegungen in den letzten Jahrzehnten gesehen, aber diese Bewegung ist die größte seit der 68er-Bewegung.
Samstag wird ganz Paris mit dem Nebel von Tränengas eingehüllt, und dazwischen werden sowohl Spider-Man-Kostüme als auch gelbe Westen zu sehen sein. Paris wird wie ein Flickenteppich von Aufständen aussehen. Schon jetzt sind 903 Aktionen der Gelbwestenbewegung landesweit angekündigt. Politische Organisationen, insbesondere revolutionäre Jugendorganisationen, haben in dieser Zeit die Aufgabe, die Aufmerksamkeit auf den kommenden Krieg zu lenken, konkrete politische Forderungen aufzustellen und diese am 17.10. mit der Erkämpfung neuer Stützpunkte umzusetzen.
Deutschland could never?
Auch in Deutschland gibt es eine Schüler:innenbewegung, die Ende letzten Jahres als „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ aufkeimte. Innerhalb weniger Wochen gründeten sich Streikkomitees in mehreren Städten in Deutschland, und am 5. Dezember standen rund 55.000 Schüler:innen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht auf der Straße. Anders als in Frankreich war der Schulstreik gegen die Wehrpflicht nicht spontan, sondern organisiert ausgerufen, und in den Monaten nach dem 5. Dezember 2025 beteiligten sich verschiedene Jugendorganisationen an der Organisierung von Streikkomitees an den Schulen.
Die Mobilisierung konnte zwar das Jahr überleben, schaffte es aber nicht, die 55.000-Marke wieder zu knacken oder an zusätzlicher Dynamik zu gewinnen. Die Versuche, die Proteste auf die Unis auszuweiten, waren nur begrenzt erfolgreich und von Teilen der Bewegung nicht getragen. Außerdem erweiterte der Schulstreik seine Forderungen nicht auf die Realität aller Schüler:innen und blieb in den meisten Fällen an den Gymnasien hängen. Von Blockaden konnte man nicht mal träumen. Denn nicht alle Schüler:innen in Deutschland fragen sich gerade: „Werde ich in den nächsten Jahren eingezogen?“ Viele fragen sich: „Werden ich und meine Familie abgeschoben? Werde ich einen Beruf haben, mit dem ich meine Miete bezahlen kann? Werde ich für meine Solidarität mit Palästina Probleme bekommen?“ Proletarische und migrantische Schüler:innen, die in Frankreich den ersten Funken des Feuers entfacht hatten, wurden als Masse im Schulstreik gegen die Wehrpflicht nicht gezielt angesprochen. Auch die Probleme an den Schulen selbst standen in den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht eher im Hintergrund. Dabei gibt Deutschland sogar weniger Geld für sein Bildungssystem aus als Frankreich, und der Lehrermangel ist. Trotz seiner überschaubaren Dynamik fasste der Staat den Schulstreik sofort ins Auge. Er schickte den Verfassungsschutz für Anquatschversuche, ließ Schüler:innen mit Schildern wegen Beleidigung verhaften oder fing öffentliche Diffamierungskampagnen an.
Heute stehen wir also in Deutschland vor der Situation, dass wir eine organisierte Schulstreikbewegung haben, die aber in ihren Mitteln verkrustet und in ihrer Massenhaftigkeit begrenzt ist. Dadurch fehlen auch Erfolgserlebnisse: Nach inzwischen vier Schulstreiks ist nichts vom geplanten Wehrdienst vom Tisch. Ein gefährliches Gefühl schleicht sich ein: Was bringt es, wenn wir weiter auf die Straße gehen?
Die erste Reaktion dieser Bewegung auf die Aufstände in Frankreich war Soli-Bilder und Kundgebungen. Alles im Rahmen, alles wie gehabt. Die Beispiele von Berlin und am nächsten Tag Hamburg haben aber gezeigt: Die Jugend braucht keine Solidaritätsbekundungen, die Jugend braucht Aufstand. Motiviert durch die Schüler:innen in Frankreich, aber keine Kopie, sondern ein Schritt nach vorne, ausgehend von der eigenen Situation. Es ist möglich, wenn man sich traut.
Jugend, Zukunft, Sozialismus?
Jugendaufstände sind kein französisches Phänomen. Im Gegenteil: In Nepal, Marokko oder Indien strömten Hunderttausende Jugendliche auf die Straße, blockierten, setzten die Villen korrupter Politiker und Bonzen in Brand und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Viele wurden in den Aufständen kaltblütig von der Polizei ermordet. Der Funke der Jugendaufstände verbreitet sich nicht nur von Frankreich auf Europa, sondern er ist von den Jugendlichen in den finanz-ökonomischen Kolonien ins Zentrum des Imperialismus übergesprungen.
Die spontanen Aufstände überall auf der Welt zeigen den Willen der Jugend nach Veränderung. Sie werfen aber auch Fragen auf. Straßenschlachten in Spider-Man- oder Pikachu-Kostümen. Über Tränengas und brennenden Gebäuden weht eine One-Piece-Fahne. Wofür kämpft diese Jugend? Es ist sehr klar, wogegen Gen Z heute auf die Straße geht: schlechte Lebensbedingungen, keine Perspektive auf Besserung, der drohende Krieg, Schikane und Terror eines rassistischen, patriarchalen Systems, von dem nur die Reichen etwas haben. Eine erdrückende Perspektivlosigkeit hängt über weiten Teilen der Jugend. Aber was ist die Alternative zu diesem System?
Dass die Antwort nicht in einem Regierungswechsel oder einer anderen bürgerlichen Partei liegt, spüren heute viele Jugendliche. Es spiegelt sich in der Wut auf der Straße, den Wahlentscheidungen und Jugendumfragen. Revolution und Sozialismus als Perspektive, Hoffnung und eine tatsächlich erreichbare Zukunft sind hingegen kaum verbreitet. Auch die Vorbilder sind heute vor allem Charaktere aus Filmen oder Animes. Sicherlich können wir auch von ihnen Dinge lernen und Mut schöpfen, aber ein realer politischer Kampf braucht reale Helden. Von ihnen hat die revolutionäre Bewegung von Marx und Lenin über Rosa Luxemburg und Alexandra Kollontai bis zu Ivana Hoffmann oder Süleman Yeter genug zu bieten. Den Sozialismus der Hoffnungslosigkeit entgegenzustellen und die Suche nach Helden mit revolutionären Vorbildern zu beantworten, sind zentrale Aufgaben, die revolutionäre Jugendliche in einem Aufflammen der spontanen Jugendaufstände haben.
Jugendaufstände in Deutschland sind möglich
Jetzt ist es wichtig, die größte Stärke der Schüler:innenbewegung in Deutschland, ihre Organisiertheit, mit der Militanz der französischen Schüler:innen zusammenzuführen. Revolutionäre Jugendorganisationen dürfen in dieser Zeit keinen Schritt zurückgehen, sondern müssen in den ersten Reihen der Blockaden stehen und gemeinsam Plattformen bauen, in denen sie offen als sozialistische Organisator:innen auftreten. In Momenten wie diesen sind Komitees die grundlegendste Form der Organisierung, die von einer Atmosphäre der kollektiven Kreativität und dem Geist „jedem eine Aufgabe geben, die er/sie machen kann“ gefüllt sein müssen. An repressiven Schulen muss eine besonders enge Solidarität geformt werden, und Schüler:innen müssen sich schulübergreifend gegenseitig unterstützen. Inhaltlich sollte dabei nicht einfach Solidarität im Vordergrund stehen, sondern der Kampf um die Forderungen, die die Schüler:innen der Schule und in Deutschland allgemein gerade bewegen.
Vor den Jugendlichen in Frankreich und in Deutschland liegen Herbstferien, die entweder zu einem Löschfeuer für die Proteste oder zu einem neuen Zeitraum der Organisierung werden könnten. Es ist an uns, das Letztere zu verwirklichen und dafür neue Wege zu finden: von Protestcamps und Schüler:innenakademien bis zu Unibesetzungen. Die größte Form der Solidarität bleibt es, selbst zu kämpfen.


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